Expert*innentexte | Romy Schmidt

Liebe Künstler*innen,

immer mehr Projektanträge von Künstler*innen erreichen die verschiedensten Jurys – das ist ein Erfolg!

Es ist ein gutes Zeichen, dass immer mehr Künstler*innen versuchen, sich den „Hürden einer Antragstellung“ zu stellen. Damit Jury und Antragssteller*innen besser zueinander finden, möchte ich aus meiner Erfahrung und Beobachtung heraus Empfehlungen für Antragssteller*innen aussprechen.

WHY!

Oft werden in Anträgen die Fragen nach dem Wo und Was beantwortet, die Frage nach dem WIE und vor allem dem WARUM deutlich weniger.

→ Liebe Künstler*Innen, stellt euch selbst wirklich die Frage, WARUM ihr diese künstlerische Arbeit realisieren wollt und wie ungefähr bis genau ihr welchen Prozess zur Realisierung anstrebt und versucht dies zu verbalisieren.

→ Hilfreich wäre eine Kurzdarstellung, sehr knapp und präzise, die in drei Sätzen beschreibt, was ihr plant (z. B.: Ich organisiere ein Konzert mit 18 Musiker*innen und 3 Tänzer*innen im öffentlichen Raum. So kann die Jury euer Projekt schon einmal grob für sich einordnen, es soll also ein Konzert werden.

→ Im nächsten Schritt ist es wichtig, zu beschreiben, WARUM ihr dieses Projekt realisieren wollt und welche spezielle Arbeitsweise ihr beschreiten oder ausprobieren wollt.

TRUST YOURSELF!

Sehr oft klingen Anträge wie Klassenarbeiten, sie sind gespickt mit einer Vielzahl von Referenzen, kleinen philosophischen Abhandlungen in Zitatform, anschließend steht dann ein Satz wie „Darauf wollen wir uns beziehen und das Projekt xy realisieren“. Gegen Vorbilder ist nichts einzuwenden, doch mit sicher ungewollten Allgemeinplätzen kann eine Jury nichts anfangen. Hier kommt die Frage nach dem Warum wieder ins Spiel. Warum wollt ihr z. B. Theater im öffentlichen Raum mit 5 Laienspieler*innen machen…? Warum wählt ihr diese oder jene Form im Genre Musiktheater? Was ist der Grund, was ist das Thema eurer Arbeit?

→ Verzichtet auf Referenzen, traut euch, eure Gedanken, Fragen und Ansätze in den Vordergrund zu stellen, mit euren eigenen Worten. Statements statt Zitate.

Da ich selbst auch Künstlerin bin, weiß ich aus vielen Gesprächen mit Kolleg*innen, das die Angst und damit eine große, m. E. nach unnötige Hürde kursiert, einer „Antragslyrik“ gerecht werden zu müssen. Angst war nie ein guter Berater, der Versuch, eine Sprache zu kopieren, in der man nicht zu Hause sein kann, kostet unnötige Zeit.

Zu Beginn der eigenen Projektüberlegungen und Konzeption ist es immer schwer, das eigene Projekt und seine Herangehensweise einfach und präzise so zu beschreiben, das man nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber überzeugt. Dies bedarf nichts anderes als der Übung.

→ Pitcht euer Projekt bei jeder guten Gelegenheit ein paar Wochen vor Antragstellung Fachfremden, einem zukünftigen Publikum, eurem künstlerischen Netzwerk, Freunden, Nachbarn, Fremden und beobachtet genau, wie die Reaktionen darauf sind. Welche Wortwahl, welche Beschreibung, welche Fachbegriffe kommen bei eurem Gegenüber an und was wird nicht in eurem Sinne verstanden? Mit jeder Erzählung eures Projektes wird sich die Geschichte verändern und auf das Wesentliche reduzieren. Ihr gewinnt an Sicherheit und kritischer Auseinandersetzung mit eurem Projekt. Wenn ihr es in 5–10 Minuten schafft, nichtbeteiligte Personen mit eurer Projektidee zu begeistern, steigern sich die Chancen, auch die Jury in eurer Darstellung bei begrenzter Zeichensetzung im Antrag mitzunehmen.

YOU'RE WELCOME!

Doch nicht nur die inhaltliche Beschreibung des Projektvorhabens kann Antragsteller*innen vor eine Herausforderung stellen, auch kalkulatorische, organisatorische und juristische Aspekte führen oft zu Schwierigkeiten. Doch keiner wird damit alleingelassen. Die Geldgeber*innen/Förder*innen sind in der Verpflichtung, euch Rede und Antwort zu den Statuten ihrer vergebenen Anträge zu stehen, und Veranstaltungen anzubieten, um Fragen der Antragsteller*innen zu beantworten. Nach meiner Erfahrung als Künstler*in sind Nachfragen bei der Institution erwünscht, so werden Bedürfnisse und Schwierigkeiten offengelegt und die Geldgeber*innen/Förder*innen können mitarbeiten, regieren, helfen, die eine oder andere Hürde zu beseitigen.

→ Traut euch um Hilfe zu bitten. Mehr Nachfragen generiert mehr Output und begründet die Notwendigkeit, miteinander zu kommunizieren, um erfolgreicher zusammenarbeiten zu können. Lässt sich ein Vorhaben laut Antragsformular auf den ersten Blick nicht realisieren, weil es z. B. Ausschlüsse bei Käufen bzw. der Mittelverwendung gibt, scheut euch nicht, nachzufragen und hartnäckig eure Ideen zu verteidigen. Gut und schlüssig erklärt, könnt ihr zu 99% mit den Geldgeber*innen/Förder*innen einen Weg finden, euer Projekt zu realisieren. Eine der größten Zwickmühlen für Jurys ist es, nicht in den Kopf der Künstler*in, die den Antrag stellt, blicken zu können :-)

Gespannt auf alle eure neuen Projekte und künstlerischen Arbeiten, verbleibe ich herzlichst,

Romy Schmidt / KünstlerIn Kollektiv WHY NOT?