Ein paar Worte über Juryverfahren…

von Ulrike Seybold, Geschäftsführerin des NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste

Knapp vier Millionen Euro Landesgeld sind im Jahr 2022 über das NRW Landesbüro zu über 200 Projekten der Freien Darstellenden Künste in Nordrhein-Westfalen geflossen. Zusätzlich haben wir das Verfahren zur Spitzenförderung des Landes Nordrhein-Westfalen für das Ministerium für Kultur und Wissenschaft organisiert und die Vergabe der Konzeptionsförderung beratend begleitet. Zusätzlich habe ich mich im vergangenen Jahr dreimal bereit erklärt, sozusagen die Seiten zu wechseln und Teil der Auswahljury des Fonds Darstellende Künste für die Prozessförderung im Rahmen von #TakeHeart zu sein.

Alle diese vielen Vergabeprozesse erfolgten auf eine Weise, die mittlerweile wohl als ‚State of the Art’ der zeitgenössischen Verteilung öffentlicher Kulturmittel gelten kann: Mit Anträgen, einer Abgabefrist und einer berufenen Jury, die in einem zweistufigen Verfahren darüber berät, welche Projekte gefördert werden können und welche abgelehnt werden müssen.

Mich mit diesen Prozessen zu beschäftigen ist zwar mein täglich Brot; ich begegne dabei aber immer wieder auch schmerzhaften Momenten und Fragen danach, was eigentlich ‚richtig’ und ‚gerecht’ ist. Fragen, auf die ich nicht immer eine abschließende Antwort finde.

Dennoch halte ich eine Auswahl, die durch eine gut gebriefte und breit aufgestellte Jury getroffen wird, den bestmöglichsten Weg zu multiperspektivisch geprägten Entscheidungen, die nicht an einem einzelnen Schreibtisch entstehen, sondern in einem diskursiven Prozess einer Gruppe.

Man muss sich nichts vormachen, auch eine Juryentscheidung ist nie eine bis ins letzte Detail objektivierbare Sache, es gibt nicht das eine sauber kalibrierte Messinstrument, das feststellt: „Dieser Antrag ist sieben Meter groß und wird deshalb gefördert, jener misst leider nur 690 cm und ist deshalb raus”.

Trotzdem wird nicht gewürfelt und die Entscheidungen sind natürlich nicht willkürlich. Zum einen gibt es Fördergrundsätze und -kriterien, die den Diskursrahmen festlegen, zum anderen die möglichst kompetenten und breit aufgestellten Jurymitglieder, die in langen Sitzungen um die bestmögliche Entscheidung ringen. Ich erlebe in diesen Runden stets eine große Ernsthaftigkeit, Respekt und Wertschätzung allen Antragsteller*innen gegenüber.

Die Besetzung einer Jury ist eine extrem verantwortungsvolle Aufgabe und gleicht oftmals der Quadratur des Kreises. Wir haben hier in Nordrhein-Westfalen bei unserer regulären Allgemeinen Projektförderung ein eher künstler*innenlastiges Jurysystem: Von den sechs stimmberechtigten Mitgliedern kommen fünf aus der Szene selber, die sechste Stimme kommt aus dem Ministerium. Die Bezirksregierungen sind beratend dabei, das Landesbüro hat, sehr bewusst gewählt, keine Stimme.

Somit sind sowohl Personen, die langfristige kulturpolitische Entwicklungslinien kennen, an der Entscheidung beteiligt, als auch eine starke, künstlerisch-praktische Expertise. Die Fachjury wird nach bestem Wissen und Willen durch das Landesbüro – in Absprache mit dem nrw landesbuero tanz und im Austausch mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen – zusammengestellt.

Die Gesamtzusammensetzung der Gruppe muss stimmig sein und wir müssen in jedem Fall eine breite Landes- und Szenekenntnis sicherstellen. In der Regel kommen die fünf Mitglieder der künstlerischen Fachjury jeweils aus einem der Regierungsbezirke NRWs. Darüber hinaus versuchen wir möglichst viele Diversitätsfaktoren und besondere Expertise der verschiedenen Genres abzudecken. Im Jahr 2022 haben wir dazu einen Fragebogen für potentielle Jurymitglieder erarbeitet, um bei der Zusammenstellung nicht mit Fremdzuschreibungen zu arbeiten, sondern uns an der Positionierung der jeweiligen Personen zu orientieren.

Wir setzen auf ein stark fluktuierendes System: Kein Jurymitglied darf mehr als drei Jahre hintereinander Teil der Jury sein und wir haben zudem immer für unsere Sommer-Entscheidungsrunde eine komplett andere Jury als für die Winterrunde. Eben genau damit sich keine geschlossenen Zirkel und manifestierten Machtpositionen einstellen. Deshalb brauchen wir ziemlich viele und ziemlich häufig Jurymitglieder.

Unsere Jurysitzungen sollen keine hermetisch abgeriegelten Räume sein. Man kann mit uns nicht nur darüber sprechen, wenn man unsere Juryzusammensetzungen grundsätzlich falsch findet, sondern uns auch jederzeit Vorschläge einreichen, wer einmal in einer Jury sitzen sollte oder sich selbst vorschlagen. In der Realität suchen wir aber manchmal lange nach Personen, die bereit sind, dieses verantwortungsvolle und arbeitsintensive Ehrenamt zu übernehmen, und werden nicht von Interessent*innen überlaufen.

Uns ist es wichtig, dass die Jurys nicht nur einmal zu den Sitzungen zusammenkommen und im Schnelldurchlauf Entscheidungen treffen müssen. Eine Fachjury muss, um gemeinsam produktiv und konstruktiv streiten zu können, ein gemeinsames Verständnis vom Ziel und Zweck des Förderprogramms und der Fördersystematik haben. Deshalb haben wir digitale Vor- und Nachbesprechungen mit allen Jurys eingeführt, zum einen, um eine ständige Feedbackschleife für unsere Systematik zu haben – zum anderen, um die Jury bestmöglich mit Wissen und Tools auszustatten.

Leider ist es organisatorisch nicht möglich, dass die Jury jede*r abgelehnten Antragsteller*in eine abgestimmte Rückmeldung gibt – so wie ich es aus manchen kleineren Verfahren durchaus kenne. Was wir als Landesbüro anbieten können, ist ein allgemeines Feedbackgespräch durch uns – ein Versuch, der Absage zumindest ein Gesicht und eine Stimme zu geben und vor allem für zukünftige Anträge zu beraten.

Bei unserer allgemeinen Projektförderung müssen wir meist rund zwei Drittel der Anträge ablehnen. Das ist sogar vergleichsweise noch eine ganz gute Förderquote, aber es ändert nichts daran, dass wir doppelt so viele Menschen enttäuschen (und vor existenzielle Fragen stellen!) müssen, wie wir fördern können. Auch uns machen Zusagen viel mehr Freude als Absagen. Trotzdem versuchen wir, auch hier so unterstützend wie möglich mit der Situation umzugehen und die Antragsteller*innen zumindest nicht alleine im Regen stehen zu lassen.

Natürlich liegt ein unauflösbares Paradox darin, auf der einen Seite als Interessenvertretung dafür zu kämpfen, dass der Kuchen so groß wie möglich wird und auf der anderen Seite an der Verteilung der Stücke beteiligt zu sein, im sicheren Wissen, dass sie nicht für alle reichen werden; oder anders ausgedrückt, Menschen kulturpolitisch zu solidarisieren, um sie auf der anderen Seite gegeneinander um die gleichen Fördermittel antreten zu lassen. Dennoch liegen in der Mitgestaltung der Auswahl- und Juryprozesse so viele Chancen, sich zumindest dem „bestmöglichen Verfahren” anzunähern, dass wir es – trotz aller bitteren Momente – im Landesbüro gerne und mit Engagement immer wieder tun.