Expert*innentexte | Harald Redmer

Alle im gleichen Boot.

Ein Plädoyer für selbstbewusste Freie Künstlerinnen und Künstler

Es ist nicht allen Künstlern*innen gegeben, das eigene Anliegen in ein meist schriftliches Format eines Projektantrages zu gießen. Wir geben zuweilen Workshops mit dem Titel: Wer? Was? Wann? Wo? .... und vor allem Warum? Wie aus einer guten Idee ein guter Antrag wird.

Ziel ist eine sinnvolle, umsetzbare Hilfe für alle, die einen Antrag auf Projektförderung stellen wollen. Wir unterstützen die Teilnehmer*innen bei der Formulierung ihres künstlerischen Anliegens: Was will ich mit dem Projekt? Welche künstlerischen Ziele sind mir wichtig? Welche gesellschaftlichen Ziele verfolge ich? Auf welchen künstlerischen Arbeiten baut das Projekt auf? Hier geht es – ohne zu sehr Erinnerungen an den Deutschunterricht strapazieren zu wollen – um die nicht selbstverständliche Fähigkeit, das künstlerische Vorhaben verständlich und präzise formulieren zu können, also einen möglichst guten Text zu schreiben.

Es geht natürlich auch darum, Standardfehler zu vermeiden: Nichtbeachtung der Förderkriterien, zu lange Antragstexte, zu hohe / zu niedrige Finanzierungspläne, zuwendungsrechtliche Fragen, Nichtbeachtung von Honoraruntergrenzen, usw.

Ganz entscheidend ist schließlich für mich aber noch ein anderer Aspekt:  die Vermittlung von Selbstbewusstsein. Ein guter Projektantrag braucht Selbstbewusstsein. Davon kann man als freischaffende*r Künstler*in gar nicht genug haben.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung. In meiner Zeit als freier Regisseur und Schauspieler habe ich mind. 80 Förderanträge gestellt. 

Es geht um die selbstbewusste Behauptung des eigenen künstlerischen Profils, der sog. künstlerischen Handschrift. Das Gleiche gilt natürlich auch für Gruppen und Ensembles, die einen Antrag stellen. Auch hier ist klares, selbstbewusstes Profil gefragt.

Selbstbewusstsein meint dabei nicht vermessene Überschätzung individueller oder kollektiver Einmaligkeit. Im wörtlichen Sinne geht es um bewusste Einschätzung seiner Selbst, der künstlerischen und persönlichen Qualitäten. Die sind – auch wenn alle die gleichen Formulare ausfüllen – überwältigend unterschiedlich. Bei einem unserer letzten Workshops bekamen die knapp 30 Teilnehmer*innen nach gut 1½ Stunden als Exkurs eine Aufgabe: Stellt uns bitte in 60 Sekunden euer künstlerisches Profil vor. Nur 60 Sekunden. Es gab 10 Minuten Zeit zur Vorbereitung. Heraus kam ein faszinierendes Spektrum völlig unterschiedlicher Statements und künstlersicher Ansätze, das überaus eindrucksvoll das Potenzial und die Vielfalt der professionellen Freien Szene zum Ausdruck brachte: locker, klar und frei vorgetragen. Ein starker Moment, bei dem ich nur bedauert habe, dass nicht zufällig ein Verantwortlicher aus Politik und Verwaltung um die Ecke gesehen hätte.

Denn auch wenn wir in Nordrhein-Westfalen in diesen Monaten eine deutlich gestiegene politische Würdigung der Freien Szene erleben, über die ich mich persönlich sehr freue, auch wenn es zukünftig mehr Möglichkeiten für kontinuierliches Arbeiten geben wird: Die Sache mit dem Selbstbewusstsein ist nach wie vor nicht so einfach. Wir bewegen uns weiterhin im System der Projektförderung. Qualitäten müssen nach wie vor immer wieder neu für den nächsten Projektantrag unter Beweis und Beobachtung gestellt werden.

Und der Begriff Projektförderung bleibt schwierig. Er markiert Äußerliches, Temporäres – nicht so sehr persönlich Profiliertes, und zu allem Übel schwingt in ihm immer auch Bedürftigkeit mit. Man muss gefördert werden, kann nicht auf eigenen Füßen stehen. Selbst wenn man ein Projekt erfolgreich beendet hat, stellt man sich gleich wieder in die Schlange und wartet auf den nächsten Zuschlag.

Dieses Förderwesen ist nicht unbedingt dazu angetan, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ich kenne kaum eine*n Antragsteller*in, der/die nicht schon tiefe Phasen der Verunsicherung über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns durchgemacht hat, selbst die oder gerade die, die schon lange dabei sind.

Unser Förderwesen schafft nicht zuletzt Abhängigkeiten – Abhängigkeit vom politischen Willen, von Verwaltung und deren Vertretern*innen und von Jurys. Alle Instanzen sollten sich immer wieder dieser Verantwortung, die sie zu tragen haben, bewusst werden.

Denn freischaffende Künstler*innen erfüllen einen gesellschaftlichen Auftrag. Sie sind keinesfalls Bittsteller. Sie haben ein Recht darauf, ihre Arbeit zu machen. Sie müssen sich Überprüfung gefallen lassen, denn es sind ja öffentliche Gelder, die ausgegeben werden. Aber das gilt für uns alle, die im Kulturbetrieb unterwegs sind. Politik, Verwaltung, Verbände und eben Künstler*innen: Sie alle handeln „nur“ im Auftrag.

Auch wenn sicher alle immer unbedingt nur das Beste wollen: Die Künstler*innen sind dabei in der schwächeren Position. Das ist ganz offensichtlich und kann durch den gern gepflegten Mythos von der künstlerischen Freiheit nicht kaschiert werden.

Wenn etwa Künstler und Künstlerinnen Vertretern des Ministeriums, der Bezirksregierungen, der verschiedensten kulturellen Institutionen, der Verbände – also auch mir – in Beratungsgesprächen für ein neues Projekt gegenübersitzen, kann es nicht schaden, sich klar zu machen, dass alle, die da am Tisch zusammengekommen sind, der gleichen gesellschaftlichen Beauftragung unterliegen. Im Prinzip fahren alle im gleichen Boot, in dem gerade die freien Künstler*innen nicht selten das Steuer übernehmen, wenn von sie etwa für neue künstlerische Impulse sorgen, die von den Etablierten gerne aufgenommen werden.

Leider werden Steuerleute oft schlecht bezahlt. Am Selbstbewusstsein sollte es ihnen jedoch nicht mangeln.

Harald Redmer
Geschäftsführer
NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste